Willkommen
im Jammertal
Mein Gejammer hatte das Erntedankfest verdorben
Obwohl ich normalerweise ein fröhlicher, ausgeglichener Mensch bin, gibt es Zeiten, in denen ich zu einem Jammerlappen werde. Dann murre und schimpfe ich vor mich hin. Wenn ich den Kühlschrank öffne, finde ich nur Dinge wie Miesmuscheln, Maultaschen und saure Weintrauben. Meine Frau sagt: „Hör auf zu jammern, Phil.“ Ich erwidere: „Dein Ton gefällt mir nicht, Liebling, er geht mir so langsam auf die Nerven.“
Über Folgendes habe ich mich in letzter Zeit beschwert:
Das Wasser aus unserem Wasserhahn. Es hinterlässt Flecken auf den Tassen.
Ich muss ständig das Licht hinter meinen Teenagern ausmachen.
Lange Wartezeiten beim Arzt, und das mit mittelmäßigem Lesematerial.
Das Wetter, unter anderem Schnee Anfang Mai.
Die Müllabfuhr kommt nie pünktlich.
Die 29 partnerlosen Socken in meiner Schublade. Wo sind ihre armen Partner? Und warum haben sie mir nicht gesagt, dass es ihnen schwerfällt zusammenzubleiben? Ich hätte sie in die Eheberatung schicken können.
Jedes der vier Räder an meinem Einkaufswagen dreht sich in eine andere Richtung.
Dass ich solch einen weiten Weg zum Gottesdienst fahren muss, und warum wechseln ausgerechnet alle langsamen Fahrer genau zur selben Zeit wie ich die Spur?
Mitten in meiner Jammerei geschah etwas. Ich machte mit meiner Familie eine Reise in ein Entwicklungsland. Wir waren mit „Compassion“ unterwegs, einem christlichen Kinderhilfswerk, dessen Motto lautet: „Kinder im Namen Jesu aus der Armut befreien.“ Während wir dort waren, zeigte Gott mir, wie oberflächlich meine Lebensauffassung war.
Ich begegnete dort Kindern, die zu Waisen geworden waren, weil ihre Väter einen Stromschlag bekommen hatten, als sie versuchten, eine Stromleitung anzuzapfen, damit die Familie wenigstens eine einzige nackte Glühbirne im Haus haben kann.
Wir standen in einem Dorf, das von einem Hurrikan dem Erdboden gleichgemacht worden war. Die einzigen Häuser, die noch standen, waren eine Kirche und das Gebäude von „Compassion“. Die Dorfbewohner erzählten mir mit strahlenden Gesichtern von dem Wunder. Ja, sie hatten alles verloren. Ja, ihre Häuser waren zerstört. Aber die Kirche war ganz geblieben.
Und da stand ich nun mit meiner Jammerei. Ich, der Mann, der über das Wetter, nicht ausgeschaltete Lampen und Wartezeiten beim Arzt schimpft. Diese Leute haben nie einen Arzt gesehen. Und ich beschwere mich über Kleinigkeiten wie Haarausfall. Was für einen Grund habe ich eigentlich, mich zu beklagen? Mein Gejammer hatte das Erntedankfest verdorben.
An dem Tag, als wir Carlos (eines unserer Patenkinder) besuchten, war die Hitze fast unerträglich und wir hatten bald nichts mehr zu trinken. Nie zuvor in meinem Leben war ich so durstig gewesen. Auf einmal holte Carlos’ Stiefmutter das größte Geschenk aus einer kleinen Kühltruhe – eine eisgekühlte Flasche Coca-Cola. Ich fuhr mit den Fingern über diese Flasche, hielt sie ins Licht und trank sie dann langsam aus, wobei ich jeden einzelnen Tropfen genoss. Ich habe seitdem immer wieder Coca-Cola getrunken, aber ich wundere mich, dass es nicht mehr nach dieser köstlichen Rezeptur hergestellt wird. Diese Flasche Cola war mir ein Kamerad, ein Freund und ein Lehrer. Sie lehrte mich, für alles Gute dankbar zu sein, solange wir es haben.
Deshalb stellte ich auf dem langen Heimflug eine Liste der Dinge auf, für die ich dankbar bin:
Wasser, das aus einem Wasserhahn kommt. Und Tassen, in die man es füllen kann.
Elektrisches Licht im Haus. Auch wenn es zu oft an ist.
Auf den Arzt zu warten und zu wissen, dass er da ist. Für Wartezimmer, in denen es Ledersofas, Aquarien und Hoffnung gibt.
Für das Wetter, sogar für den Schneesturm Ende April.
Müllhalden außerhalb unserer Städte. Müllautos, die weniger als einen Tag zu spät kommen. Und bass ich bicht begen bes Bestanks bie Base bustopfen buss.
Single-Socken. Ich werde Partner für sie finden.
Einkaufswagen und Läden voll Lebensmittel. Ich bin noch nie hungrig zu Bett gegangen (Schlankheitskuren zählen nicht). Ich werde den Satz „ich bin am Verhungern“ aus meinem Wortschatz streichen.
Dass ich mit dem Auto zum Gottesdienst fahren kann. Ich weiß nicht, wie viele kommen würden, wenn wir zu Fuß gehen müssten.
Einen Platz, an dem ich heute Nacht schlafen kann.
Es gibt immer noch Dinge, auf die mein „Jammer“-Schalter anspringt. Aber immer häufiger halte ich mitten im Jammern inne und erinnere mich an die Lektionen, die ich auf dieser Reise gelernt habe. Und ich denke an die Worte des Apostels Paulus: „Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.“
Ich ertappe mich sogar dabei, dass ich dankbar für meine Zahnbürste und meinen Kamm bin. Auch wenn ich nur noch eines von ihnen brauche.
© Phil Callaway