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Auf
den zweiten Blick
Gestern war ich beim Friseur. Meine Tochter wollte es nicht glauben. „Da oben passiert doch nichts mehr, Papa“, sagte sie. „Auf deinem Kopf herrscht Rezession.“ Ich lächelte milde. Und strich sie aus meinem Testament. Die Friseuse musterte meinen Kopf von allen Seiten. Dann warf sie mir einen kritischen Blick zu. Ich beobachtete die Prüfung im Spiegel. Schließlich fragte sie: „Ähm, ... haben Sie einen Scheitel?“ „Ja“, antwortete ich, „er beginnt an meinem linken Ohr und geht hinüber bis zum rechten.“ Mich immer noch kritisch musternd fragte sie: „Soll ich sie färben?“ Ich antwortete: „Nein, nur die Spitzen schneiden.“ Sie kicherte: „Mehr ist da auch nicht.“ Haben Sie jemals einen Haarschnitt bekommen, den Sie sich gerne zurückerstatten lassen würden? Ich erinnere mich an ein paar wirklich üble in meiner Kindheit. Mein Vater begann an einer Seite meines Kopfes, ging dann auf die andere Seite hinüber und versuchte dort nach dem Gedächtnis auf die gleiche Länge zu kürzen. Es ging nie zu meinen Gunsten aus.
Niederschmetternde Diagnose
Man sagt, der Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Haarschnitt beträgt etwa zwei Wochen. Operationen sind da eine andere Sache. Die meisten größeren Operationen kann man nicht rückgängig machen und wieder in Ordnung bringen. Und auch das Geld bekommt man nicht erstattet.
Mein älterer Bruder Dan litt an einer Netzhautablösung. Kurz vor der Operation beugte sich der Arzt zu ihm hinüber und fragte: „Es ist das linke Auge, stimmt’s?“ Dan war schockiert. Es war das rechte Auge. Das wusste er genau. Der Arzt runzelte die Stirn und starrte mit seinen beiden gesunden Augen auf einen Computerausdruck. „Hier steht, das linke.“ „Nein, das stimmt nicht“, sagte Dan, „auf dem linken Auge sehe ich einwandfrei. Bitte operieren sie das nicht.“
Sicher kann man über solche Geschichten im Nachhinein auch schmunzeln. Aber was geschieht, wenn wir die schlechtestmögliche Nachricht bekommen? Wenn ein Arztbesuch alles verändert, was uns bisher so selbstverständlich war?
Bei einem Festessen saß ich neben Ed, einem leitenden Angestellten im Ölgewerbe. Er erzählte mir eine erstaunliche Geschichte. Ein Jahr zuvor hatte er im Sprechzimmer seines Arztes gesessen und konnte nicht fassen, was der Arzt ihm gerade sagte. Mit 49 Jahren war bei ihm Darmkrebs festgestellt worden. Der Schock begann erst einzusetzen, als er seiner Frau mitteilte, was der Arzt gesagt hatte: „Die Erkrankung ist schon sehr weit fortgeschritten. Ich habe ähnliche Fälle gesehen und es ist sehr unwahrscheinlich, dass Ihr Körper länger als sechs Monate gegen den Krebs kämpfen kann. Wir werden unser Möglichstes tun, um Ihnen zu helfen, aber es ist am besten, wenn Sie Ihre Angelegenheiten in Ordnung bringen. Es tut mir sehr leid.“ Flugtickets für zwölf Personen
Nach einer schlaflosen Nacht rief Ed im Büro an. Zum ersten Mal seit 17 Jahren würde er nicht zur Arbeit gehen. Seine Arbeit hatte ihm alles bedeutet. Was würde er ohne sie tun? Er fragte sich, wie er es seinen drei Kindern sagen sollte. Und ob es ihnen überhaupt etwas bedeuten würde. Sie lebten zwar in der Nähe, waren ihm aber fast fremd geworden. Und die Enkel? Obwohl er seine Sekretärin regelmäßig anwies, ihnen Geschenke ihrer Wahl zum Geburtstag und zu Weihnachten zu schicken, sah er sie selten und konnte sich nie an ihre Namen erinnern. „Soll ich einen Pastor rufen?“, fragte er sich. Aber er war seit seiner Hochzeit nicht mehr in der Kirche gewesen. Dafür hatte er keine Zeit gehabt. Und an welchen Pastor sollte er sich wenden? Was würde er sagen?
Aber Ed täuschte sich. Seine Kinder waren am Boden zerstört, als sie von seiner Erkrankung hörten. Zum ersten Mal in ihrem Leben sahen sie ihren Vater weinen. Und sie hörten die Worte, die er ihnen nie zuvor gesagt hatte: „Ich liebe dich.“ Am selben Abend rief ein Freund aus seiner Studienzeit an. Er hatte die Nachricht gehört. Er war Pastor. Könnten sie zusammen frühstücken gehen? Wie wäre es mit acht Uhr? Nach dem Frühstück am nächsten Tag buchte Ed zwölf Flugtickets nach Mexiko, um mit seinen Kindern und deren Familien zwei Wochen dort zu verbringen. Es sollte ein ganz besonderes Weihnachtsfest werden. Obwohl der Arzt gerade eine schmerzhafte Darmspiegelung vorgenommen hatte und Ed während des Fluges kaum sitzen konnte, erlebte er eine unvergleichlich schöne Zeit in Mexiko. Im Kreis seiner Familie fragte er sich, wo er all die Jahre nur gewesen war. Er sah zu, wie seine Kinder und Enkel fröhlich in der Brandung tobten. Er ging sogar Drachenfliegen. Das war das einzige Mal, dass ihm die Sitzfläche nicht wehtat. „Das waren die schönsten zwei Wochen meines Lebens“, erzählte er mir. „Ich habe erst zu leben begonnen, als ich den Tod vor Augen hatte.“ Dinge in Ordnung bringen
Wieder zu Hause ging er zum Arzt. Nie zuvor war er so schnell ins Sprechzimmer gebeten worden. Das Gesicht des Arztes hatte die Farbe eines Schneeballs. „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen das sagen soll, aber wir haben einen schrecklichen Fehler begangen. Wir ... ähm ... haben die Akten vertauscht. Sie sind kerngesund.“ Ed wagte erst nicht zu glauben, dass der Arzt die Wahrheit sagte. „Sie machen doch Witze“, sagte er. Der Arzt war nicht zu Scherzen aufgelegt. „Wahrscheinlich rechnen Sie mit einer Anzeige, stimmt’s?“ „Ehrlich gesagt“, gab der Arzt zu, „ja.“ Ed lächelte. „Wie könnte ich Sie verklagen?“, fragte er. „Sehen Sie, Doktor, ich war arbeitssüchtig. Das Einzige, was mir wichtig war, war Geld. Es war alles, was ich sehen konnte. Dann kam Ihre Diagnose. Sie hat alles verändert. Ich habe die Beziehung zu meinen Kindern in Ordnung gebracht. Ich kenne jetzt die Namen meiner Enkel, und sie kennen mich. Ich habe auch meine Beziehung zu Gott in Ordnung gebracht. Ich gehe wieder zum Gottesdienst. Nie zuvor habe ich mich so lebendig gefühlt. Ich kann Ihnen nicht genug danken. Die schlimmste Nachricht, die ich je bekam, hat sich als die beste erwiesen.“ Dann stand er auf und umarmte den erstauntesten – und dankbarsten – Arzt in der Medizingeschichte. Sicher, Gesundheit ist ein Geschenk, aber Vergebung ist wahrscheinlich ein noch größeres Geschenk. Sie gibt uns die Chance, von Neuem zu beginnen. Vielleicht, um es diesmal besser zu machen. © Phil Callaway Like to see Phil's articles syndicated in your magazine or newspaper? Email us for info. © 2009 Phil Callaway. Click here for reprint info. Read more of Phil's articles. Phil would love to know what you think. Email... |