Sprachlos
in Seattle
Vor
ein paar Jahren löste ein einfacher Telefonanruf eine Kette von Ereignissen aus,
die mein Leben verändern sollten. Ich war Autor von Bestsellern und Prediger.
Wenn meine Freunde an Erfolg dachten, hatte sie mein Bild vor Augen. Ich war ein
richtiger Workaholic, forderte mich jedes Jahr mehr und plante, ein vermögendes,
sorgenfreies Leben zu führen. Ich hoffte, dass ich meinen Kindern die Dinge
geben konnte, die ich selbst niemals hatte.
Der
Anruf kam von dem Präsidenten eines bekannten Unternehmens in Kalifornien. Ob
ich eine angesehene Position in seiner Firma in Betracht ziehen würde? Was auch
immer ich jetzt verdiente, er würde es verdreifachen. Ich denke nicht, dass ich
die Stimme Gottes je so klar gehört hatte!
„Schatz“,
sagte ich zu meiner Frau Ramona, „wir könnten uns dann ein Haus kaufen
anstatt mieten und ein Auto, das im Winter anspringt. Wir könnten es uns sogar
leisten, mir Kleidung zu kaufen, die passt!“ „Ich würde so gerne ein wenig
verreisen“, sagte Ramona und nickte mit dem Kopf. „Vielleicht einige
Verwandte besuchen ...“
Über
den Teil mit den Verwandten war ich weniger fröhlich ... Zwei Wochen später
waren wir auf dem Weg nach Kalifornien zum Bewerbungsgespräch.
Mit
Eiche eingerichtete Sitzungszimmer und exquisite Büros haben mich schon immer
eingeschüchtert, aber dieses Mal fühlte ich mich gleich wie zu Hause. Hier gehörte
ich hin. Ich kaufte in meinen Gedanken schon ein größeres Haus, ein neues
Auto, sah Sicherheit, Erfolg. Es lag in meinen Händen, ich war am Zug.
Während
des Gesprächs war ich fasziniert von allem, was die Stelle zu bieten hatte.
Eine Chance, mich selbst zu verwirklichen. Mit vielen Menschen zu arbeiten. Zu
reisen. „Wie viele Tage pro Monat werde ich unterwegs sein?“, fragte ich.
Ein unangenehmes Schweigen folgte. Der Präsident sah mich an, als hätte er die
Frage nicht verstanden.
Schließlich
sagte er: „Die Frage ist nicht, wie viele Tage Sie weg sein werden, sondern
eher, wie viele Sie zu Hause sein werden, Phil. Und das werden nicht viele sein.“
Ramona stieß mich unter dem Tisch an und runzelte die Stirn. Und etwas später
auf dem Rückflug äußerte sie ihre Bedenken.
„Du
hast eine junge Familie, Phil ... wir würden dich schon gerne ab und zu sehen.
Das Leben verläuft in Abschnitten. Wir brauchen dich für den leitenden Part
darin. Außerdem sind wir Christen ... sollten wir nicht erst einmal darüber
beten?“
Aber
während unseres Zwischenstopps auf dem Flughafen in Seattle erneuerte ich
meinen Entschluss, die Stelle anzunehmen. Ich kannte Gottes Willen. Als ich zur
Toilette ging, übte ich meine Rede. Das Angebot war zu gut, um es abzulehnen.
Gleich von zu Hause aus würde ich Kalifornien anrufen.
Ich
ging in eine der Kabinen, die Tür schnappte hinter mir zu. Plötzlich begann
alles zu beben. Die Lichter flackerten, Türen klapperten, die Wände wackelten.
Zum ersten Mal in meinem Leben erlebte ich ein Erdbeben. Also, ich weiß ja
nicht, ob Sie schon viel über das Sterben nachgedacht haben oder darüber, wo
sie am liebsten sterben würden, aber wenn Sie ein bisschen so sind wie ich, würde
Ihre Liste bestimmt nicht eine Flughafentoilette enthalten.
Während
der nächsten Sekunden blitzten Erinnerungen vor meinem geistigen Auge auf: die
wunderbare Geburt unseres ersten Kindes; Gesichter von Freunden und Familie;
meine Frau; meine Kinder. Es gab kein Bild von einem Auto, einem Haus oder einem
überquellendem Bankkonto.
Als
das Wackeln aufhörte, sagte ein Mann in einer Kabine neben mir laut: „War ich
das etwa?“ Ich war sprachlos. Ich stieß die Tür auf, rannte aus dem
Waschraum und hoffte, meine Frau noch einmal im Arm halten zu können, bevor
alles über uns einstürzte. Ich werde sie
küssen, dachte ich, und für sie noch
ein letztes Mal die Erde beben lassen!
Auf
dem letzten Stück des Rückfluges nahm ich mir eine Serviette und kritzelte zum
ersten Mal in meinem Leben meinen persönlichen Missionsauftrag darauf: „Ich
werde mich selbst als erfolgreich ansehen, wenn ich jeden Tag eng verbunden mit
Jesus Christus lebe; wenn ich eine gute Ehe führe, meine Kinder liebe und
sinnvolle Arbeit leiste.“
„Ich
werde in Kalifornien anrufen“, sagte ich zu meiner Frau und nahm ihre Hand. Am
Lächeln auf meinem Gesicht erkannte sie, was ich vorhatte zu sagen.
Wenn
ich auf diese Tage zurückblicke, erkenne ich, dass meine Reise auf dem Weg zur
Rückbesinnung auf das, was wirklich wichtig ist im Leben, auf eine
Papierserviette geschrieben begonnen hat. Wissen Sie, in 100 Jahren wird sich
niemand mehr daran erinnern, in was für einem Haus ich gelebt habe, welches
Auto ich gefahren habe oder wie dick meine Brieftasche gewesen ist. Aber diese
Welt ist vielleicht ein besserer Ort dadurch geworden, weil ich versucht habe,
mein Leben nach Gottes Geboten auszurichten. Weil ich in den Augen eines Kindes
wichtig gewesen bin. Weil ich gelernt habe, glücklich auch ohne die Dinge zu
sein, die ich nicht hatte. Letzten Endes sind die Sachen, auf die es ankommt,
meisten gar keine käuflichen Gegenstände.
©
Phil Callaway