Dankbar
für die Täler
Der
Herbst hat in Alberta/Kanada eindeutig Einzug gehalten. Kleine Äpfel, rot wie
der Abendhimmel, biegen die Äste der Bäume zur Erde und Weizenfelder, die im
Sommer grün waren, liegen jetzt abgemäht da, goldene Erinnerungen an wärmere
Tage. Heute, am Erntedanktag, fühlte ich mich wie diese Felder. Wenige Stunden
nach dem traditionellen Truthahnessen liegen wir alle auf dem Sofa und ich lese
unseren drei Kindern das Gleichnis vom guten Schafhirten vor. Da kommt meine
Frau, Ramona, die seit fünf Jahren unter nicht geklärten Anfälle leidet,
herein, sagt meinen Namen und fällt zu Boden. Sie liegt bewusstlos da, ich
renne zu ihr, nehme sie auf die Arme und trage sie ins Schlafzimmer - und hoffe,
dass ich die Kinder so gut es ging vor weiterem Schrecken bewahrt habe.
Später,
als Ramona schläft, nehme ich die Kinder ganz fest in die Arme und weine mit
ihnen und versuche, ihre Fragen zu beantworten. „Wird Mami sterben?“, fragt
Jeffrey, unser Jüngster. „Ich weiß es nicht“, gebe ich zu. „Aber eines
weiß ich: Gott wird uns nie verlassen, und er wird auch immer für euch Kinder
da sein.“ „Was stimmt nicht mit ihr?“, fragt Stephen. „Wir sind nicht
sicher. Aber die Ärzte versuchen es herauszufinden.“
Einige
Zeit danach, als ihre Fragen beantwortet sind, liege ich wach im Bett und habe
selbst einige Fragen. Obwohl ich als Spaßvogel bekannt bin, finde ich das Leben
manchmal gar nicht komisch. Warum lässt Gott so viele „Täler“ in unserem
Leben zu? Und wie können wir dankbar sein, wenn der Berggipfel dann auch noch
wolkenverhangen ist?
Um
1.30 Uhr steht mein Sohn Jeffrey im Schein eines Nachtlichts im Türrahmen.
„Papa, ich kann nicht schlafen“, sagt er. Ich muss sowieso in sechs Stunden
aufstehen, also stolpere ich schlaftrunken aus meinem schönen warmen Bett und
gehe mit ihm die Treppe wieder herunter. „Jeffrey“, sage ich und stecke ihn
wieder ins Bett, „ich möchte, dass du an 100 Dinge denkst, für die du
dankbar bist.“ Dieses Spiel haben wir schon einmal gespielt. „Ich bin
dankbar für meinen Teddybär“, sagt er. „Jetzt bist du dran.“
Nach
allem, was passiert war, konnte ich nicht an Dinge denken, für die ich dankbar
sein sollte. Nicht heute Nacht! Es ist nicht schwer, in der Bibel Verse über
„das Danken“ zu finden. Allein in den Psalmen werden wir zwanzig Mal dazu
aufgefordert. Aber wie soll man eine „Dinge, für die ich dankbar bin“-Liste
erstellen, wenn man gerade gesehen hat, wie seine Frau zum hundertsten Mal von
der Schwelle des Todes zurückgekommen ist und man sich Sorgen über den nächsten
Tag macht und auch um seine Kinder?
Vielleicht
liegt der Schlüssel zu diesen Fragen in 1. Thessalonicher 5,16-18, den Worten
des Apostel Paulus, einer, der mehr gelitten hat als ich es je werde: „Betet
ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in
Christus Jesus an euch.“
Ich
denke, Paulus würde dem zustimmen, dass die aufrichtigste Dankbarkeit sich bei
denen zeigt, die nicht die ganze Zeit das Gefühl haben, es zeigen zu müssen.
Diese Freude wächst am besten in der „Erde“ von (Ernte)Dank. Aber „Erntedank“
ist eine Wahl, eine Einstellung. Deshalb zähle ich meinem jüngsten Kind, das
den Kampf mit den zu schweren Augenlidern verliert, einige Dinge auf, für die
ich dankbar sein muss.
Ich
bin dankbar für den Erntedanktag, Jeffrey. Obwohl ich auch froh bin, dass wir
nicht jeden Tag des Jahres Truthahn essen. Spätestens zu Weihnachten würden
wir alle wie das Michelin-Männchen aussehen.
Ich
bin dankbar für meine Erinnerungen an einen Nachmittag mit Football - dem „Jährlichen
Callaway Erntedank Oldtimer-Spiel“ - und wie ich mich ausgelaugt und gespannt
an den Tisch gesetzt habe, bereit, der Gabel voll Kartoffelbrei meines Bruder
auszuweichen, die mir letztes Jahr PLATSCH! an die Stirn geklatscht ist. Obwohl
keiner von uns mehr so schnell laufen kann, haben wir immer noch viel Spaß an
diesem Footballspiel. Und obwohl Essensschlachten eine Sache aus der
Vergangenheit sind, bin ich immer noch kindisch genug, eine Gabel voll
Salbeidressing meiner Frau hochzuhalten und die Entfernung zu Großvaters glänzendem
Kopf abzuschätzen und mich zu fragen - nur für einen Moment - wie es wäre,
diese Gabel abzufeuern.
Ich
bin dankbar für die Fähigkeit Brot zu backen, jetzt, wo wir einen
Brotbackautomaten haben. Ramonas gesundheitliche Probleme haben mich öfters in
die Küche gezwungen, um meine „Essensbereitermuskeln“ etwas mehr zu
trainieren. Mehrere Male, wenn sie noch geschlafen hat, haben die Kinder und ich
uns an Kuchen und Eis zum Frühstück erfreut - Delikatessen, so erinnerte ich
mich, die die vier Basisgruppen der Lebensmittel enthalten: Milch, Eier, Mehl
und künstliche Aromastoffe ...
Ich
bin dankbar, dass ich niemals hungern muss.
Ich
bin dankbar, dass, obwohl die Dinge nicht so sind, wie ich es gerne hätte, sie
nicht so schlimm sind, wie sie sein könnten. Ich bin dankbar für eine Frau,
die mich liebt und in den rauesten Zeiten voller Glauben, Liebe und Sanftheit
ist.
Ich
bin dankbar für stürmisches Wetter, das mich daran erinnert, dass wir näher
zusammenrücken müssen, wenn es kalt ist und einander mehr brauchen.
Ich
bin dankbar für die Täler in meinem Leben. Nichts wächst auf dem Gipfel eines
Berges; Wachstum fängt dort an, wo die Erde ist.
Ich
bin auch dankbar für dunkle Zeiten in meinem Leben. Es ist die einzige Zeit, in
der ich die Sterne sehen kann.
Ich
bin dankbar dafür, dass meine Hoffnung nicht an die Dinge dieser Welt gebunden
ist. Dass ich mich auf mehr freuen kann, als nur auf morgen. Ich habe die ganze
Ewigkeit vor mir.
Ich
bin dankbar für jemanden, dem ich danken kann. Und für drei wunderbare Kinder,
Gottes Geschenke an mich. Sie umgeben uns mit Gelächter, Energie, Unfug und
Liebe.
Ich
bin dankbar, dass jetzt endlich alle drei schlafen. Und ich werde es jetzt auch.
P.S.: Ramonas Anfälle konnten mit Medikamenten behandelt werden. „An diesem Erntedanktag“, sagte Phil letztes Jahr, „wird sie neben dem dankbarsten Kerl des ganzen Planeten aufwachen. Ich bin dankbar, dass die Gnade Gottes immer Überraschungen des Lebens bereithält und dass, obwohl ich nicht alle Antworten kenne, einer die Antwort weiß - Jesus Christus.“
©
Phil Callaway