Als du dich ungestört glaubtest ...

Wir haben dich unter dem weiten Himmel von Alberta (Kanada) zur letzten Ruhe gebettet. Ich hoffte auf ein wenig Regen, um meine Tränen verbergen zu können - und damit war ich wohl nicht allein. Sich von jemandem zu verabschieden, den du bewundert hast, seitdem du ein Dreikäsehoch warst, ist nicht leicht. Jemand, der dir vor dem Einschlafen Gutenachtgeschichten vorgelesen hat, dir das Fahrradfahren beigebracht hat, dir gesagt hat, dass er dich lieb hat ... Es bricht einem das Herz.

Teenager gehen normalerweise nicht gerne auf Friedhöfe, aber deine Enkel wollten auf jeden Fall zur Beerdigung mitkommen. Am Abend vor deinem Heimgang standen sie um dein Bett herum und sangen dir deine Lieblingslieder vor. Zweimal hast du versucht, die Hand deiner Enkelin an deine Lippen zu führen. Als es dir schließlich gelang, sie zu küssen, begann sie vor Traurigkeit und gleichzeitig Freude über so eine schöne Geste zu weinen - daran wird sie sich ihr Leben lang erinnern.

Und das ist so charakteristisch für dich, Dad: Erinnerungen. Als ich ein Junge war, liebte ich es, dich zu beobachten, wenn du dich ungestört glaubtest. Einmal sah ich, dass du dir mit dem Hammer auf den Daumen geschlagen hattest und hielt den Atem an. Du bist herumgetanzt und hast Ausdrücke wie „Oh Mist!“ gebraucht. Dann hast du gekichert. Dabei hättest du allen Grund zum Klagen gehabt. Deine Mutter starb, als du zwei Jahre alt warst und du triebst dich allein auf der Straße herum, während dein Vater sich Tag und Nacht in einer Möbelfabrik abplagte. Du wurdest von unmöglichen Onkeln in einem unwirtlichen Heim aufgezogen und gingst durch die Schule harter Schläge, noch ehe du in die Grundschule kamst. Aber du trugst keinen Groll mir dir herum - im Gegenteil - du wärmtest unsere kanadischen Winter mit Geschichten aus deiner Kindheit, in denen es um Faustkämpfe und geladene Gewehre ging. Du gabst diese Geschichten stets mit einem Zwinkern zum Besten - dieses Zwinkern war dein Markenzeichen.

Als du dich unbeobachtet glaubtest, habe ich mir von dir abgeguckt, wie man eine Frau behandelt: sie zu ehren, ihr die Tür aufzuhalten und im richtigen Moment den Hut abzunehmen. Ich lernte, ihr beim Buffet den Vortritt zu lassen und sie auf der Straße immer innen gehen zu lassen, um sie vor vorbeifahrenden Fahrzeugen zu schützen.

Als du dich ungestört glaubtest, habe ich von dir gelernt, was im Leben wirklich wichtig ist. Du hast die üblichen Wege, die Erfolg bedeuten, nicht betreten. Stattdessen investiertest du in Erinnerungen. Du hast niemals einen Neuwagen besessen, aber irgendwie Geld für einen Anhänger zusammengekratzt, mit dem wir in die Ferien fahren konnten. Du hast Unmengen für Eis ausgegeben, damit wir nach dem Essen noch länger am Tisch sitzen blieben. Du hast meiner Mutter Blumen und meinen Kindern Geschenke gekauft. Wenn ich mir dein Leben anschaue, sehe ich, dass Einfachheit das Gegenteil von Einfältigkeit ist.

Beim Aufräumen deines Ankleidezimmers gestern Abend habe ich deine Brille, deine Herztabletten und eine Leselampe gefunden - ich denke, die brauchst du nun nicht mehr. In ein Heft mit der Aufschrift „Testament“ hattest du irrtümlich ein Notizblatt von Mama gelegt, in dem sie deine guten Eigenschaften auflistet. Sie hat dich dargestellt wie Vater Theresa: „... immer pünktlich bei der Arbeit, ein Gentleman, eine sehr integre Persönlichkeit, mit gesunden Ansichten. Liebt seine Familie, liebt Gott ...“ Ich denke, das Blatt war dort doch korrekt abgelegt. Dies ist das beste Erbe, das ein Kind sich wünschen kann.

Als du dich unbeobachtet glaubtest, habe ich von dir gelernt, wie ich Gottes Wort in die Tat umsetzen kann. Einige Stunden vor deinem Heimgang war ich mit dir ganz allein. Du hattest Atemprobleme und als mein Singen nichts half, sagte ich dir, dass ich dich liebte und du mir ein guter Vater warst. Dann öffnete ich die alte King-James-Bibel, die du auch gelesen hast, als ich ein Junge war. Du hast einige wundervolle Verse in Offenbarung 21 unterstrichen und ich las dir die Stelle vor, dass unserer Tränen weggewischt und unsere Frage- in Ausrufezeichen verwandelt werden. Als ich zu der Verheißung kam, dass dein Name im Buche des Lebens geschrieben ist, warst du schon eingeschlafen. Am Freitagmorgen schien dir die Sonne ins Gesicht und du hörtest einfach auf zu atmen. Keine Tränen mehr, kein Alzheimer - von allem befreit.

Du würdest dich freuen zu erfahren, dass deine Enkeltochter Elena deine Haare gekämmt hat, wie sie dies schon so oft zuvor getan hat. Wir saßen an deinem Bett und deine Tochter Ruth fragte: „Denkt ihr, dass er gerettet ist?“ Und wir lachten laut heraus - so sicher waren wir uns, dass du bei Jesus bist. Nach deinem Tod sagte mir jemand: „Es tut mir leid, dass Sie Ihren Vater verloren haben.“ Ich erwiderte: „Danke, aber ich habe ihn nicht verloren - ich weiß genau, wo er ist!“

Als du glaubtest, dass niemand zusehen würde, habe ich von dir gelernt, wie man stirbt: mit intakten Beziehungen, ohne Unausgesprochenes. Vier deiner fünf Kinder waren an deinem Sterbebett. Als wir nach deinem letzten Atemzug unsere Mutter riefen, fragte Tim sie: „Weißt du, warum wir gekommen sind?“ Ihre Antwort war. „Vielleicht wegen Geld?“ - du wärst stolz auf deine 62-jährige Frau gewesen! Sie hielt dann deine Hand, als wollte sie noch ein letztes Mal die Wärme deines Körpers in sich aufnehmen. Lange Zeit sagte sie gar nichts, sondern starrte einfach aus dem Fenster. Ich fragte sie, woran sie dächte und sie lächelte. „Ich würde gern noch ein letztes Mal mit ihm auf dem Rasen spazieren gehen.“ Würden wir das nicht alle gern? Als sie kamen, um dich abzuholen, sagte sie einfach nur: „Danke für all die Jahre, Liebling!“

Ich möchte dir auch danken. Danke für die Lektionen übers Jagen und Angeln. Danke dafür, dass du dich aufs Wesentliche konzentriert hast. Danke für all die vielen zeitlosen Erinnerungen. Und vor allem danke ich dir dafür, dass du mir eine Vorstellung von Gottgegeben hast.

Heute Abend lege ich noch einmal Blumen auf dein Grab und hinter meinen Tränen versuche ich, das Zwinkern nicht zu vergessen. Ich will so leben, dass der Pastor bei meiner Beerdigung nicht zu lügen braucht. Und du machst mir Mut auf deinem Weg nach Hause.

                                                                                         © Phil Callaway